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Lou Andreas-Salomé – »Anal« und »Sexual«.
Nahezu üblich geworden war es seit einiger Zeit, der Wiener Schule ihre Betonung der Regressionen auf das anale Gebiet als eine Art von Rückständigkeit vorzuhalten,– ungefähr wie wenn, anstatt sachlicher Weitererörterung der Probleme, man sich lieber verbohre in den ausgerechnet unbehaglichsten Familienklatsch. Und doch ist eher Anlaß zu glauben, gerade dieser Punkt, mehr als irgend ein anderer vielleicht, harre erst noch endgültiger Erledigung,– schon allein weil er derjenige ist, auf den sich letztlich alle Reste der Verunglimpfung zurückziehen, die Freuds Hinweis auf den sexuellen Faktor entgegenstand und -steht. Denn wie stark der Widerstand dagegen auch von jeher gewesen ist und insbesondere gegen  Freuds »infantile Sexualität«,– immer noch erscheint der Abscheu davor ganz erheblich geringer als der vor dem Analsexuellen speziell. Ja während man im ersten Fall sich über die Zumutung empört, des Kindes Zärtlichkeiten durch das Wort »sexuell« zu besudeln, erweist sich im zweiten Fall dies verfemte Sexuelle seinerseits empörend besudelt durch seine Bezugnahme auf Anales. Wie ja auch die kindlich zärtlichen Auslassungen am elterlichen Körper in jeder Form gerührten Blickes betrachtet zu werden pflegen und sich unbeschränkt gehen lassen dürfen, während über dem anderen Gebiete von vornherein großgeschrieben das erste »Pfui!«  prangt, das wir in uns aufzunehmen haben. Dadurch leitet es eben die für jedermann so bedeutungs- und beziehungsvolle Geschichte des ersten Verbotes ein. Der Zwang zur Triebenthaltung und Reinlichkeit wird dadurch zum Ausgangspunkt für die Ekelerlernung überhaupt, für den Ekel kat exochén, der nie wieder ganz verschwinden kann, weder aus dem Erziehungswerk, noch aus dem unserer eigenen Lebensgestaltung. Ein solcher Sachverhalt läßt aber vermuten, hinter dem Normal-Ekel und -Widerstand von uns allen möchten nicht selten Einsichten versteckt bleiben, weil man sie aus diesem Bezirk  nicht aufstöbern mag,– ganz ähnlich wie die pathologischen Widerstände bei Neurotikern Einsichten hinter sich verbergen, deren Aufdeckung die Genesung bedingt, indem sie den bewußten Blick auf das Tatsächliche erst freimacht. So könnte es wohl sein, daß gerade auf diesem Gebiet, dem wir (im gewöhnlichen Fall) mit unseren praktischen Erfahrungen und Überwindungen am frühesten zu entwachsen scheinen, unserer Erkenntnis manche späteste Frucht erst noch reift.

Lou Andreas-Salomé – »Anal« und »Sexual«.

Nahezu üblich geworden war es seit einiger Zeit, der Wiener Schule ihre Betonung der Regressionen auf das anale Gebiet als eine Art von Rückständigkeit vorzuhalten,– ungefähr wie wenn, anstatt sachlicher Weitererörterung der Probleme, man sich lieber verbohre in den ausgerechnet unbehaglichsten Familienklatsch. Und doch ist eher Anlaß zu glauben, gerade dieser Punkt, mehr als irgend ein anderer vielleicht, harre erst noch endgültiger Erledigung,– schon allein weil er derjenige ist, auf den sich letztlich alle Reste der Verunglimpfung zurückziehen, die Freuds Hinweis auf den sexuellen Faktor entgegenstand und -steht. Denn wie stark der Widerstand dagegen auch von jeher gewesen ist und insbesondere gegen Freuds »infantile Sexualität«,– immer noch erscheint der Abscheu davor ganz erheblich geringer als der vor dem Analsexuellen speziell. Ja während man im ersten Fall sich über die Zumutung empört, des Kindes Zärtlichkeiten durch das Wort »sexuell« zu besudeln, erweist sich im zweiten Fall dies verfemte Sexuelle seinerseits empörend besudelt durch seine Bezugnahme auf Anales. Wie ja auch die kindlich zärtlichen Auslassungen am elterlichen Körper in jeder Form gerührten Blickes betrachtet zu werden pflegen und sich unbeschränkt gehen lassen dürfen, während über dem anderen Gebiete von vornherein großgeschrieben das erste »Pfui!«  prangt, das wir in uns aufzunehmen haben. Dadurch leitet es eben die für jedermann so bedeutungs- und beziehungsvolle Geschichte des ersten Verbotes ein. Der Zwang zur Triebenthaltung und Reinlichkeit wird dadurch zum Ausgangspunkt für die Ekelerlernung überhaupt, für den Ekel kat exochén, der nie wieder ganz verschwinden kann, weder aus dem Erziehungswerk, noch aus dem unserer eigenen Lebensgestaltung. Ein solcher Sachverhalt läßt aber vermuten, hinter dem Normal-Ekel und -Widerstand von uns allen möchten nicht selten Einsichten versteckt bleiben, weil man sie aus diesem Bezirk nicht aufstöbern mag,– ganz ähnlich wie die pathologischen Widerstände bei Neurotikern Einsichten hinter sich verbergen, deren Aufdeckung die Genesung bedingt, indem sie den bewußten Blick auf das Tatsächliche erst freimacht. So könnte es wohl sein, daß gerade auf diesem Gebiet, dem wir (im gewöhnlichen Fall) mit unseren praktischen Erfahrungen und Überwindungen am frühesten zu entwachsen scheinen, unserer Erkenntnis manche späteste Frucht erst noch reift.

Maurice Barrès – Die zwei Frauen des Bürgers von Brügge

Zur Zeit der Renaissance lebte in Brügge ein reicher Bürger, welchen die grossen Festlichkeiten nicht zu zerstreuen vermochten, an denen sich seine Mitbürger damit ergötzten, dass sie viel tranken und Narrenpossen trieben. Er würde wohl am Bogenschiessen Lust gefunden haben, denn seine Eigenliebe hätte sich geschmeichelt gefühlt, wäre er zum Schützenkönig ausgerufen worden; allein er empfand kein wirkliches Vergnügen daran, von den Brügger Gevatterinnen bewundert zu werden. Er war auch ein wenig seiner Ehefrau überdrüssig geworden, obwohl sie ihm treu und auch frisch war; aber ich habe ihr Bildnis gesehen - eine kleine Memling voll kleinster Beachtung für Alles, was im bescheidenen Bezirk eines regelmässigen Lebens fortkommt, und auf keine Weise in den Leichtfertigkeiten und Ausbrüchen bewandert, welche es allein vermocht hätten, diesen melancholischen Unbeschäftigten zu befriedigen.
In dieser Stimmung fasste er den Entschluss, nach dem heiligen Lande zu pilgern. Es war zugleich, um erhabene Dinge zu vollbringen und um sich zu zerstreuen.
Wir müssen immer etwas von unseren Träumen abgeben; der Flamänder kam nicht über Italien hinaus, denn ein Weib, welches die Schönheit dieses Landes an sich hatte und ihm dadurch unvergleichlich erschien, hielt den mächtigen Kopf dieses Fremdlings an ihren weissen Brüsten fest. Sie war die Geliebte Lorenzo’s von Medici und, während einer Nacht, auch die des jungen Ric della Mirandola gewesen. Ich habe ihre Porträts gesehen, welche sie später mit sich nach Flandern brachte und die sich in Antwerpen in der Maison Plantin befinden. Lorenzo von Medici ist dick und schmutzig wie ein Zeichenlehrer, und der Mirandola hat das reinkalte Gesicht eines eleganten jungen Hebräers, der linkisch und ein Verstandesmensch ist.
Von einer Hülle von Wohlgerüchen und Seidenstoffen umgeben, las diese Chlorinde ihrem Geliebten den Ariost, dessen leichtflüssige Pracht ihre wollüstige Anmuth noch erhöhte; und so wurde die Schwermuth, des jungen Mannes, welche bis dahin etwas von mürrischer Laune an sich gehabt hatte, nun eine trunkene Traurigkeit.
Als sie ihre Hilfsmittel bis auf ihre Kleinodien verthan hatten, bat sie der Flamänder, für welchen die Vorstellung davon, dass sie eines Tages fern von ihm alt und bedauernswerth sein könnte, unerträglich war, er bat sie, ihn nach Flandern zu begleiten, wo sie den Ueberfluss finden würden.
Chlorinde hatte zur selben Zeit, als sie ihren theuren Barbaren gelehrt hatte, an allen schönen Dingen Freude zu finden, selbst verlernt, diese zu lieben, und nur er allein war es, von dem getrennt zu sein, ihr niemals möglich gewesen wäre. So nahm sie denn diese schwere Verbannung an. Allein in dem Masse, als sie weiter kamen, wurden sie Beide immer trauriger, denn die Natur wurde ärmer, und sie gingen der Heimat des Winters entgegen.
Als sie Brügge erblickten, da verstand Eines und das Andere, dass sie, sowie sie diesen letzten Zwischenraum zurücklegen würden, einen Theil ihres Lebens abschlössen, welcher ihre Jugend gewesen war. Die Flur war von Sonnenschein übereist, einem Mittags-Sonnenschein, der vom grauesten Himmel niederfiel; das Herz der Fremden zog sich zusammen, denn sie fürchtete, dass er sie weniger liebe als seine rechte Ehefrau, und dass er sie fortschicken würde. Er hinwieder, als er die ersten Bilder wiedersah, die seine Kinderaugen erfüllt hatten, wurde weich bei dem Gedanken, dass er einmal werde sterben müssen

Maurice Barrès – Die zwei Frauen des Bürgers von Brügge

Zur Zeit der Renaissance lebte in Brügge ein reicher Bürger, welchen die grossen Festlichkeiten nicht zu zerstreuen vermochten, an denen sich seine Mitbürger damit ergötzten, dass sie viel tranken und Narrenpossen trieben. Er würde wohl am Bogenschiessen Lust gefunden haben, denn seine Eigenliebe hätte sich geschmeichelt gefühlt, wäre er zum Schützenkönig ausgerufen worden; allein er empfand kein wirkliches Vergnügen daran, von den Brügger Gevatterinnen bewundert zu werden. Er war auch ein wenig seiner Ehefrau überdrüssig geworden, obwohl sie ihm treu und auch frisch war; aber ich habe ihr Bildnis gesehen - eine kleine Memling voll kleinster Beachtung für Alles, was im bescheidenen Bezirk eines regelmässigen Lebens fortkommt, und auf keine Weise in den Leichtfertigkeiten und Ausbrüchen bewandert, welche es allein vermocht hätten, diesen melancholischen Unbeschäftigten zu befriedigen.

In dieser Stimmung fasste er den Entschluss, nach dem heiligen Lande zu pilgern. Es war zugleich, um erhabene Dinge zu vollbringen und um sich zu zerstreuen.

Wir müssen immer etwas von unseren Träumen abgeben; der Flamänder kam nicht über Italien hinaus, denn ein Weib, welches die Schönheit dieses Landes an sich hatte und ihm dadurch unvergleichlich erschien, hielt den mächtigen Kopf dieses Fremdlings an ihren weissen Brüsten fest. Sie war die Geliebte Lorenzo’s von Medici und, während einer Nacht, auch die des jungen Ric della Mirandola gewesen. Ich habe ihre Porträts gesehen, welche sie später mit sich nach Flandern brachte und die sich in Antwerpen in der Maison Plantin befinden. Lorenzo von Medici ist dick und schmutzig wie ein Zeichenlehrer, und der Mirandola hat das reinkalte Gesicht eines eleganten jungen Hebräers, der linkisch und ein Verstandesmensch ist.

Von einer Hülle von Wohlgerüchen und Seidenstoffen umgeben, las diese Chlorinde ihrem Geliebten den Ariost, dessen leichtflüssige Pracht ihre wollüstige Anmuth noch erhöhte; und so wurde die Schwermuth, des jungen Mannes, welche bis dahin etwas von mürrischer Laune an sich gehabt hatte, nun eine trunkene Traurigkeit.

Als sie ihre Hilfsmittel bis auf ihre Kleinodien verthan hatten, bat sie der Flamänder, für welchen die Vorstellung davon, dass sie eines Tages fern von ihm alt und bedauernswerth sein könnte, unerträglich war, er bat sie, ihn nach Flandern zu begleiten, wo sie den Ueberfluss finden würden.

Chlorinde hatte zur selben Zeit, als sie ihren theuren Barbaren gelehrt hatte, an allen schönen Dingen Freude zu finden, selbst verlernt, diese zu lieben, und nur er allein war es, von dem getrennt zu sein, ihr niemals möglich gewesen wäre. So nahm sie denn diese schwere Verbannung an. Allein in dem Masse, als sie weiter kamen, wurden sie Beide immer trauriger, denn die Natur wurde ärmer, und sie gingen der Heimat des Winters entgegen.

Als sie Brügge erblickten, da verstand Eines und das Andere, dass sie, sowie sie diesen letzten Zwischenraum zurücklegen würden, einen Theil ihres Lebens abschlössen, welcher ihre Jugend gewesen war. Die Flur war von Sonnenschein übereist, einem Mittags-Sonnenschein, der vom grauesten Himmel niederfiel; das Herz der Fremden zog sich zusammen, denn sie fürchtete, dass er sie weniger liebe als seine rechte Ehefrau, und dass er sie fortschicken würde. Er hinwieder, als er die ersten Bilder wiedersah, die seine Kinderaugen erfüllt hatten, wurde weich bei dem Gedanken, dass er einmal werde sterben müssen

Honoré de Balzac - Die Frau von dreißig Jahren.
1. Der erste Irrtum
Anfang April des Jahres 1813 verhieß ein Sonntagmorgen den Parisern einen jener schönen Tage, an welchen sie zum erstenmal im Jahr ihr Pflaster frei von Schmutz und den Himmel wolkenlos sehen. Kurz vor Mittag bog ein mit zwei feurigen Pferden bespanntes prächtiges Kabriolett aus der Rue de Castiglione in die Rue de Rivoli ein und machte hinter einer Reihe von Equipagen halt, die vor dem kürzlich neueröffneten Gitter mitten auf der Terrasse des Feuillants standen. Der zierliche Wagen wurde von einem kränklich und vergrämt aussehenden Mann gelenkt, dessen ergrauendes Haar nur spärlich den gelblichen Schädel bedeckte und ihn vor der Zeit gealtert erscheinen ließ. Er warf die Zügel dem Lakaien zu, der dem Wagen zu Pferde gefolgt war, und stieg ab, um ein junges Mädchen herunterzuheben, dessen liebliche Schönheit die Aufmerksamkeit der müßigen Spaziergänger auf der Terrasse erregte. Wie sie oben am Kutschrand stand, ließ sich die Kleine willig um die Taille fassen und umschlang den Hals ihres Führers, der sie auf das Trottoir hob, ohne den Besatz ihres grünen Ripskleides gedrückt zu haben. Ein Liebhaber hätte nicht sorgsamer sein können. Der Unbekannte mußte der Vater des Mädchens sein, das, ohne ihm zu danken, vertraulich seinen Arm nahm und ihn ungestüm in den Garten zog. Der alte Vater bemerkte die verwunderten Blicke einiger junger Leute, und für einen Augenblick verflog die Trauer, die auf seinem Gesicht eingegraben war. Obwohl er längst das Alter erreicht hatte, wo sich die Männer mit den trügerischen Freuden der Eitelkeit bescheiden müssen, lächelte er. »Man hält dich für meine Frau«, sagte er dem jungen Mädchen ins Ohr, wobei er sich straffte und mit einer Langsamkeit dahinschritt, die die Kleine zur Verzweiflung brachte.

Honoré de Balzac - Die Frau von dreißig Jahren.

1. Der erste Irrtum

Anfang April des Jahres 1813 verhieß ein Sonntagmorgen den Parisern einen jener schönen Tage, an welchen sie zum erstenmal im Jahr ihr Pflaster frei von Schmutz und den Himmel wolkenlos sehen. Kurz vor Mittag bog ein mit zwei feurigen Pferden bespanntes prächtiges Kabriolett aus der Rue de Castiglione in die Rue de Rivoli ein und machte hinter einer Reihe von Equipagen halt, die vor dem kürzlich neueröffneten Gitter mitten auf der Terrasse des Feuillants standen. Der zierliche Wagen wurde von einem kränklich und vergrämt aussehenden Mann gelenkt, dessen ergrauendes Haar nur spärlich den gelblichen Schädel bedeckte und ihn vor der Zeit gealtert erscheinen ließ. Er warf die Zügel dem Lakaien zu, der dem Wagen zu Pferde gefolgt war, und stieg ab, um ein junges Mädchen herunterzuheben, dessen liebliche Schönheit die Aufmerksamkeit der müßigen Spaziergänger auf der Terrasse erregte. Wie sie oben am Kutschrand stand, ließ sich die Kleine willig um die Taille fassen und umschlang den Hals ihres Führers, der sie auf das Trottoir hob, ohne den Besatz ihres grünen Ripskleides gedrückt zu haben. Ein Liebhaber hätte nicht sorgsamer sein können. Der Unbekannte mußte der Vater des Mädchens sein, das, ohne ihm zu danken, vertraulich seinen Arm nahm und ihn ungestüm in den Garten zog. Der alte Vater bemerkte die verwunderten Blicke einiger junger Leute, und für einen Augenblick verflog die Trauer, die auf seinem Gesicht eingegraben war. Obwohl er längst das Alter erreicht hatte, wo sich die Männer mit den trügerischen Freuden der Eitelkeit bescheiden müssen, lächelte er. »Man hält dich für meine Frau«, sagte er dem jungen Mädchen ins Ohr, wobei er sich straffte und mit einer Langsamkeit dahinschritt, die die Kleine zur Verzweiflung brachte.

Maximiliane Ackers - Freundinnen
Roman unter Frauen
 
Erika Felden war weit gegangen.
Ganz frühmorgens, von den Waldbergen herunter durch ein verträumtes, kleines Tal.
Kein Haus mehr, das kleine Feldkreuz längst vorüber.
Die Wege verliefen sich in den Wiesen.
Eri war weit, weit gegangen.
Die Sehnsucht war so groß.
Sie lauschte … auf den Wind … auf einen Vogelruf … die Sonne tropfte durch die Bäume. Es fielen goldene, zaghafte Lichter durch die dichten Tannenzweige. Eine unerklärliche Unruhe hatte sie ergriffen. Sie fing an zu singen. Sie tat es sonst so gern. Aber es half nichts. Das Gefühl, als müsse sie fort, als würde sie irgendwo hingetrieben, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Sie war unzufrieden. Die einfachen Waldblumen in ihrer unendlichen Ruhe und Lieblichkeit machten sie ungeduldig. Ihre Hände krampften sich schmerzhaft, ihr tat der Sommermorgen weh.
Plötzlich fing sie an zu laufen. Lief wie gehetzt, wild, atemlos.
… Nur zurück, zurück in den kleinen, verschlafenen Kurort. Dort waren Menschen. Häuser. Dort waren Dinge, dort geschah etwas … vielleicht ein Lärm. Irgend jemand würde dort sein.
Keuchend lief sie den Waldhang hinauf. Drüben von der anderen Seite würde sie schon die roten Dächer sehen können.
Nur weiter, weiter.
Das Gras stand kniehoch. Spinnen hatten Perlennetze gewoben. Einer voll Andacht hätte sie nicht zerrissen; sie aber sah sie nicht einmal, wußte gar nicht, daß sie so viel heitere Märchenschönheit überrannte und zerstörte.
Sie war oben. Noch ein paar Schritte – sie sah unter sich, bunt und lustig, die Häuser des kleinen Ortes.
Den Rest des Weges schritt sie gelassen hinunter, bis sie zu der gepflasterten Straße kam.
Eine Uhr schlug zehn. Ein kleines, goldhelles Spielwerk.
Eine Dame kam mit einer anderen aus der Tür eines Vorgärtchens. Beide trugen Brunnengläser, hatten einen Sonnenschirm. Die eine trug um die Schulter einen lila Schal.
»Hach – zum Verrücktwerden! Diese Bimmelei Ich sage Ihnen, Frau Geheimrat, das nächstemal wohne ich nicht mehr in der Nähe eines Glockenturmes.«
Trotz umfangreicher und intensiver Recherchen – insbesondere gemessen am Rahmen des kleinen Projektes – konnten bislang keine RechtsnachfolgerInnen ermittelt werden; falls Sie RechtsnachfolgerIn sind, bitten wir Sie, sich mit uns formlos in Verbindung zu setzen; falls Sie mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sind, werden wir den Text selbstverständlich sofort vom Server nehmen, über mehr Informationen zu Maximiliane Ackers freuten wir uns natürlich umsomehr.

Maximiliane Ackers - Freundinnen

Roman unter Frauen

Erika Felden war weit gegangen.

Ganz frühmorgens, von den Waldbergen herunter durch ein verträumtes, kleines Tal.

Kein Haus mehr, das kleine Feldkreuz längst vorüber.

Die Wege verliefen sich in den Wiesen.

Eri war weit, weit gegangen.

Die Sehnsucht war so groß.

Sie lauschte … auf den Wind … auf einen Vogelruf … die Sonne tropfte durch die Bäume. Es fielen goldene, zaghafte Lichter durch die dichten Tannenzweige. Eine unerklärliche Unruhe hatte sie ergriffen. Sie fing an zu singen. Sie tat es sonst so gern. Aber es half nichts. Das Gefühl, als müsse sie fort, als würde sie irgendwo hingetrieben, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Sie war unzufrieden. Die einfachen Waldblumen in ihrer unendlichen Ruhe und Lieblichkeit machten sie ungeduldig. Ihre Hände krampften sich schmerzhaft, ihr tat der Sommermorgen weh.

Plötzlich fing sie an zu laufen. Lief wie gehetzt, wild, atemlos.

… Nur zurück, zurück in den kleinen, verschlafenen Kurort. Dort waren Menschen. Häuser. Dort waren Dinge, dort geschah etwas … vielleicht ein Lärm. Irgend jemand würde dort sein.

Keuchend lief sie den Waldhang hinauf. Drüben von der anderen Seite würde sie schon die roten Dächer sehen können.

Nur weiter, weiter.

Das Gras stand kniehoch. Spinnen hatten Perlennetze gewoben. Einer voll Andacht hätte sie nicht zerrissen; sie aber sah sie nicht einmal, wußte gar nicht, daß sie so viel heitere Märchenschönheit überrannte und zerstörte.

Sie war oben. Noch ein paar Schritte – sie sah unter sich, bunt und lustig, die Häuser des kleinen Ortes.

Den Rest des Weges schritt sie gelassen hinunter, bis sie zu der gepflasterten Straße kam.

Eine Uhr schlug zehn. Ein kleines, goldhelles Spielwerk.

Eine Dame kam mit einer anderen aus der Tür eines Vorgärtchens. Beide trugen Brunnengläser, hatten einen Sonnenschirm. Die eine trug um die Schulter einen lila Schal.

»Hach – zum Verrücktwerden! Diese Bimmelei Ich sage Ihnen, Frau Geheimrat, das nächstemal wohne ich nicht mehr in der Nähe eines Glockenturmes.«

Trotz umfangreicher und intensiver Recherchen – insbesondere gemessen am Rahmen des kleinen Projektes – konnten bislang keine RechtsnachfolgerInnen ermittelt werden; falls Sie RechtsnachfolgerIn sind, bitten wir Sie, sich mit uns formlos in Verbindung zu setzen; falls Sie mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sind, werden wir den Text selbstverständlich sofort vom Server nehmen, über mehr Informationen zu Maximiliane Ackers freuten wir uns natürlich umsomehr.

Lou Andreas-Salomé -  Zum Typus Weib
 
Lou Andreas-Salomé ist am 13. Februar 70 Jahre alt geworden. Keiner Frau kommt der Ehrenname einer »großen Europäerin« eher zu. Nicht nur, weil sich in ihrer Herkunft Französisches mit Russischem und Deutschem begegnet, sondern vornehmlich, weil ihr hellsichtiges Verständnis, ihr revolutio näres Unbekümmertsein sich stets auf jenen Höhen bewegte, die den Grenzen des Völkischen, des Fachlich-Schulmeisterhaften, des gerade in Mode Stehenden spotten, auf jenen Höhen, wo das Europäisch-Freie, Unzeitgemäße stets zu Hause war. Und weil diese große Frau, die gerade vor einem halben Jahrhundert Nietzsche exaltieren durfte (wodurch allein sie sich schon in den Blättern der Geistesgeschichte eingetragen hat), nicht nur eine geistvolle Denkerin, sondern auch eine begnadete Dichterin ist, konnte sie schon »Psychoanalytikerin« sein, ehe sie Freuds Ent deckungen kannte. Mit diesen wurde sie erst 1911 bekannt; aber z. B. der Roman »Ruth« oder die feinfühligen fünf Ge schichten über halbwüchsige Mädchen, die der gemeinsame Titel »Im Zwischen land« umspannt, wurden schon früher geschrieben. (»Im Rückerinnern will mir scheinen, als ob mein Leben der Psychoanalyse entgegengewartet hätte, seitdem ich aus den Kinderschuhen heraus war«) Seit zwei Jahrzehnten zählt nun Lou Andreas-Salomé zu jenen Dreihundert, die in den fünf Erdteilen als »offizielle« Anhänger Freuds »registriert« sind, und daß es die »Wiener Psychoanalytische Vereinigung« ist, der sich Frau Andreas-Salomé angeschlossen hat, weiß diese Vereinigung als Ehre zu schätzen. (Es ist übrigens auch kein Geheimnis, daß Frau Lou Andreas-Salomé zu jenen ganz wenigen Zeitgenossen zählt, die in persönlich-privaten Beziehungen zu Sigmund Freud stehen.) Die unten namentlich angeführten psychoanalytischen Publikationen dieser Psychoanalytikerin sind nicht zahlreich,1 erfreuen sich aber mit Recht einer besonderen Wertschätzung, und auch wir können heute ihres 70. Geburts tages nicht würdiger gedenken, als indem wir sie selbst zu Wort kommen lassen und einen vor Jahren geschriebenen (zuerst in der »Imago« III. Jg., 1914 er schienenen) kleinen Aufsatz hier nochmals veröffentlichen. Wir Psychoanaly tiker kommen vielleicht in Versuchung, den Zug der Psychoanalysefreundlichkeit im Porträt einer zeitgenössischen Persönlichkeit zu überschätzen und wir lassen wohl darüber, wie sich die Psychoanalyse in das Lebensbild dieser edlen Frauengestalt einfügt, am besten einer objektiven, außenstehenden Person das Wort. Helene Stöcker schreibt über Lou Andreas-Salomé in der »Neuen Zürcher Zeitung«:
»Stand Friedrich Nietzsche am Beginn ihrer geistigen Produktivität, so Sigmund Freud am Ende ihrer bisherigen Entwicklung.
Seit dem Beginn des Weltkrieges etwa hat Lou Andreas-Salomé sich fast aus schließlich psycho analytischer Forschung und Behandlung hingegeben.
Das ist das Charakteristische für Lou Andreas-Salomé; weder ihr philosophisches noch ihr künstlerisches psychoanalytisches Schaffen ist von ihrer Persönlichkeit zu trennen, wie es wohl bei andern, scheinbar ›objektiven‹ schaffenden Künstlern möglich ist. Darin liegt, wenn man will, die Grenze, zugleich aber auch der einzigartige Reiz ihrer Kunst, ihres Wesens. Schon in jener Zeit, als eine große Zahl kämpfender, ringender Frauen durch mancherlei Härten, Einseitigkeiten und Fanatismen unge wollt ihrer schönen Idee Schaden zufügten, hat sie den Typus einer ausgeglichenen, geistig schaffenden weiblichen Persönlichkeit dargestellt.
Wir alle, für die am Ende das Leben selbst das höchste Kunstwerk ist, an dem wir unverdrossen, unbeirrt durch alle Hemmnisse, schaffen müssen, werden heute mit Freuden und Dankbarkeit dieser Frau und ihrer zur vollen Harmonie geklärten Persönlichkeit gedenken, in der neben der Künstlerin, der Philosophin in voller Eben bürtigkeit die Frau, die Lebenskünstlerin steht.«
                                                                    St.

Lou Andreas-Salomé -  Zum Typus Weib

Lou Andreas-Salomé ist am 13. Februar 70 Jahre alt geworden. Keiner Frau kommt der Ehrenname einer »großen Europäerin« eher zu. Nicht nur, weil sich in ihrer Herkunft Französisches mit Russischem und Deutschem begegnet, sondern vornehmlich, weil ihr hellsichtiges Verständnis, ihr revolutio näres Unbekümmertsein sich stets auf jenen Höhen bewegte, die den Grenzen des Völkischen, des Fachlich-Schulmeisterhaften, des gerade in Mode Stehenden spotten, auf jenen Höhen, wo das Europäisch-Freie, Unzeitgemäße stets zu Hause war. Und weil diese große Frau, die gerade vor einem halben Jahrhundert Nietzsche exaltieren durfte (wodurch allein sie sich schon in den Blättern der Geistesgeschichte eingetragen hat), nicht nur eine geistvolle Denkerin, sondern auch eine begnadete Dichterin ist, konnte sie schon »Psychoanalytikerin« sein, ehe sie Freuds Ent deckungen kannte. Mit diesen wurde sie erst 1911 bekannt; aber z. B. der Roman »Ruth« oder die feinfühligen fünf Ge schichten über halbwüchsige Mädchen, die der gemeinsame Titel »Im Zwischen land« umspannt, wurden schon früher geschrieben. (»Im Rückerinnern will mir scheinen, als ob mein Leben der Psychoanalyse entgegengewartet hätte, seitdem ich aus den Kinderschuhen heraus war«) Seit zwei Jahrzehnten zählt nun Lou Andreas-Salomé zu jenen Dreihundert, die in den fünf Erdteilen als »offizielle« Anhänger Freuds »registriert« sind, und daß es die »Wiener Psychoanalytische Vereinigung« ist, der sich Frau Andreas-Salomé angeschlossen hat, weiß diese Vereinigung als Ehre zu schätzen. (Es ist übrigens auch kein Geheimnis, daß Frau Lou Andreas-Salomé zu jenen ganz wenigen Zeitgenossen zählt, die in persönlich-privaten Beziehungen zu Sigmund Freud stehen.) Die unten namentlich angeführten psychoanalytischen Publikationen dieser Psychoanalytikerin sind nicht zahlreich,1 erfreuen sich aber mit Recht einer besonderen Wertschätzung, und auch wir können heute ihres 70. Geburts tages nicht würdiger gedenken, als indem wir sie selbst zu Wort kommen lassen und einen vor Jahren geschriebenen (zuerst in der »Imago« III. Jg., 1914 er schienenen) kleinen Aufsatz hier nochmals veröffentlichen. Wir Psychoanaly tiker kommen vielleicht in Versuchung, den Zug der Psychoanalysefreundlichkeit im Porträt einer zeitgenössischen Persönlichkeit zu überschätzen und wir lassen wohl darüber, wie sich die Psychoanalyse in das Lebensbild dieser edlen Frauengestalt einfügt, am besten einer objektiven, außenstehenden Person das Wort. Helene Stöcker schreibt über Lou Andreas-Salomé in der »Neuen Zürcher Zeitung«:

»Stand Friedrich Nietzsche am Beginn ihrer geistigen Produktivität, so Sigmund Freud am Ende ihrer bisherigen Entwicklung.

Seit dem Beginn des Weltkrieges etwa hat Lou Andreas-Salomé sich fast aus schließlich psycho analytischer Forschung und Behandlung hingegeben.

Das ist das Charakteristische für Lou Andreas-Salomé; weder ihr philosophisches noch ihr künstlerisches psychoanalytisches Schaffen ist von ihrer Persönlichkeit zu trennen, wie es wohl bei andern, scheinbar ›objektiven‹ schaffenden Künstlern möglich ist. Darin liegt, wenn man will, die Grenze, zugleich aber auch der einzigartige Reiz ihrer Kunst, ihres Wesens. Schon in jener Zeit, als eine große Zahl kämpfender, ringender Frauen durch mancherlei Härten, Einseitigkeiten und Fanatismen unge wollt ihrer schönen Idee Schaden zufügten, hat sie den Typus einer ausgeglichenen, geistig schaffenden weiblichen Persönlichkeit dargestellt.

Wir alle, für die am Ende das Leben selbst das höchste Kunstwerk ist, an dem wir unverdrossen, unbeirrt durch alle Hemmnisse, schaffen müssen, werden heute mit Freuden und Dankbarkeit dieser Frau und ihrer zur vollen Harmonie geklärten Persönlichkeit gedenken, in der neben der Künstlerin, der Philosophin in voller Eben bürtigkeit die Frau, die Lebenskünstlerin steht.«

                                                                    St.